27. Juni 2011

Fahrbericht Saab 9-5 2.8T V6: Schöner Schwede mit ungewissem Schicksal

Saab 9-5 im Testbericht

Saab 9-5

Der neue 9-5 stand bereits kurz vor der Serienreife als die amerikanische Mutter General Motors ihre schwedische Tochter Saab sterben lassen wollte. Der Traditionshersteller aus dem hohen Norden hat dank eines niederländischen Adoptivelternteils überlebt, ist aber nach wie vor nicht gesund. Es fehlt an Finanzspritzen. Die Zukunft des Unternehmens steht in Frage. Keine guten Voraussetzungen für einen glücklichen Start des Saab 9-5. An seinen Erbanlagen liegt es jedenfalls nicht, dass sein Schicksal ungewiss ist: Die äußeren wie inneren Werte stimmen.

Immer wieder zieht die seltene Limousine die Blicke bei unseren Fahrten auf sich. Saab ist es mit dem 9-5 kongenial gelungen, das traditionelle Design in eine moderne Form zu übertragen und ein optisch deutlich aus der Masse herausragendes Auto zu schaffen. Herausgekommen ist eine automobile Schönheit, die klassische Eleganz in aktuellem Gewand zeigt. Rundungen bestimmen das Bild. Selbst die Windschutzscheibe schlägt nach an den oberen Ecken einen schwungvollen Bogen. Die ästhetischen Anleihen an den Flugzeugbau der Schweden sind unverkennbar. Der Aufbau verjüngt sich nach hinten, ohne dass die coupéartig abfallende Dachlinie mit breit auslaufender C-Säule zu Lasten des Fonds geht. Die fließende Form kennt in der Seitenansicht keine Brüche, alles wirkt wie aus einem Guss.

Auch innen zeigt der schöne Schwede höchste Individualität. Das klar gegliederte Cockpit ist fahrerzentriert und verzichtet auf unnötige Schnörkelei. Ungewöhnlich ist die von Querstreben durchzogene und klassisch anmutende Armaturenbrettverkleidung, in die sich völlig nahtlos die Lüftungsgitter einfügen, die über Joytsick-artige Versteller verfügen. Zwar erweckt auch Saab seinen 9-5 inzwischen per Startknopf zum Leben, doch der findet sich dort, wo bei der Marke in der Vergangenheit gewöhnlich der Zündschlüssel zu finden war – im Mitteltunnel zwischen den beiden Vordersitzen. Eine weitere Besonderheit ist der im Informationsdisplay zusätzlich abrufbare zweite Tachometer. Er zeigt die Geschwindigkeit in Form eines Flugzeuginstrumentes an.

Weniger verspielt gibt sich das gut les- und justierbare Head-up-Display. Für entspannteres Fahren in der Dunkelheit bietet Saab als weiteres Merkmal das so genannte Night Panel an: Per Knopfdruck verschwinden alle beleuchteten Anzeigen bis auf den Tachometer. Auch einen erweiterten Parkassistenten, adaptives Licht und eine adaptive Geschwindigkeitsregelung sowie einen Spurhalteassistenten bietet Saab für sein Flaggschiff an. Nicht immer hundertprozentig darf man sich allerdings auf die Kamera gestützte Verkehrszeichenerkennung für Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote verlassen.

Vorne wie hinten sitzt man bequem und im Fond herrscht trotz der leicht abfallenden Dachlinie ausreichend Kopffreiheit. Saab bietet optional für die hinteren Passagiere unter anderem eine separate Klimaregulierung und aus den vorderen Kopfstützen ausklappbare Bildschirme sowie ein eigenes Multimediaprogramm an, so dass schnell Oberklassegefühl im Schweden aufkommt. Die Rückenlehnen sind klappbar, im 515 Liter großen Kofferraum finden sich Haken und weitere Staufächer sowie auf Wunsch ein variables Arretierungsschienensystem für das Gepäck

Der 221 kW / 300 PS starke 2,8-Liter-V6-Liter-Motor im 250 km/h schnellen Topmodell 2.8T V6 Aero ist über jeden Leistungszweifel erhaben. Er stellt bis zu 400 Newtonmeter Drehmoment zur Verfügung und wird ausschließlich mit XWD-Allradantrieb und 6-Stufen-Automatik geliefert. Begleitet von einem leichten Säuseln des Turbos, für dessen Ladedruck eine eigene Anzeige vorhanden ist, sprintet der Saab 9-5 mühelos und vehement los. Im Idealfall sind in weniger als sieben Sekunden 100 km/h erreicht. Als Preis für soviel Herrlichkeit müssen allerdings Verbräuche im zweistelligen Bereich einkalkuliert werden. Nur wer gemütlich mit Schrittgeschwindigkeit über die Autobahn bummelt darf eine 8 vor dem Komma erwarten, ansonsten geht es in der Alltagspraxis eher Richtung 11 Liter und leicht darüber hinaus. Damit bleibt der Saab aber immerhin annährend im Normbereich.

Bei der Fahrwerksabstimmung hat der Fahrer die Wahl zwischen C, I und S, bei der auch die Sensibilität des Gaspedals angepasst wird. Im Sportmodus schlagen kurze Bodenwellen gerne schon einmal durch, im Komfortbetrieb geht es spürbar sanfter zur Sache, ohne dass der Saab gleich zur Sänfte wird. Als goldene Mitte bietet Saab die I-Funktion an, die die Dämpfer in Echtzeit an die individuelle Fahrweise an. Die Grundabstimmung ist aber auch hier eher etwas zu straff ausgelegt. Dafür sorgt die präzise Lenkung in Verbindung mit dem Allradantrieb für einen zielgenauen und sicheren Kurs.

Keine Frage, Design und Ambiente heben den Saab 9-5 Schweden aus der Masse hervor. Er stellt damit eine echte Alternative in der gehobenen Mittelklasse dar. Die Fahrwerksabstimmung könnte allerdings etwas kommoder ausfallen. Das einzige, was dem schönen Schweden aber wirklich fehlt, ist eine sichere Zukunft. Das ungewisse Schicksal der Marke ist sein größter Makel. Verdient hat er ihn nicht. (ampnet/jri)

Daten: Saab 9-5 2.8T V6 Aero XWD

Länge x Breite x Höhe (m): 5,01 x 1,87 x 1,47
Motor: V6-Turbobenziner, 2792 ccm
Leistung: 221 kW / 300 PS bei 5500 U/min
Max. Drehmoment: 400 Nm bei 2000 U/min
Durchschnittsverbrauch (nach EU-Norm): 10,6 Liter
CO2-Emission: 244 g/km (Euro 5)
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
Beschleunigung 0 – 100 km/h: 6,9 Sekunden
Leergewicht/Zuladung: min. 1945 kg / max. 495 kg
Kofferraum: 515 Liter
Max: Anhängelast: 2000 kg
Basispreis: 52 500 Euro

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