17. April 2013

Interview mit Volkswagens WRC-Piloten Sébastien Ogier

Von Tim Westermann

Sebastien Ogier steigt aus dem Rennwagen aus

VW-Werksfahrer Sébastien Ogier. Foto:Auto-Medienportal.Net/Volkswagen

Volkswagens Nummer-Eins-Fahrer Sébastien Ogier eilt in der Rally Weltmeisterschaft mit dem Polo R WRC von einem Erfolg zum nächsten. In Portugal holte er 2010 seinen ersten WRC-Sieg und gewann auch 2011. Damals noch mit Citroen. Jetzt siegte er mit seinem neuen Team zum Dritten Mal an der Algarve. Tim Westermann sprach unmittelbar nach der Rally mit Sébastien Ogier über die aktuelle Situation, Rivalen und die vergangenen Jahre in der WRC.

Dritter Sieg im vierten Rennen. Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?
„Unglaublich, was für eine Achterbahn-Rally hier in Portugal! Ich bin überglücklich über den Sieg. Erst die Krankheit der letzten 14 Tage, dazu brutale Prüfungen, die ein Rallyeauto ans Limit bringen. Als wir heute morgen auf der ersten Prüfung das Problem mit der Trennung des hinteren Differentials hatten, hab ich gedacht: Seb‘, das war‘s, die Rallye ist vorbei. Zum Glück haben wir es in den Service geschafft und die Jungs haben dort einen fantastischen Job gemacht.“

Was war die größte Herausforderung der vergangenen Tage?
„Die Rally war extrem anspruchsvoll und schwierig, für das Auto, das gesamte Team und vor allem auch für mich. Als ich am Montagabend in Portugal gelandet bin, war ich nicht sicher, ob ich starten kann. Ich war ständig müde und meine Energiereserven waren komplett aufgebraucht. Beim Fahren hab ich das zwar weitgehend ausblenden können, weil der Körper dann so unter Adrenalin steht – aber topfit fühlt sich anders an. Zum Glück hat sich mein Zustand in den letzten zwei Tagen dann deutlich verbessert. Jetzt werde ich bis Argentinien versuchen, so viel Kraft und Ruhe wie möglich zu tanken.“

Ein neues Auto, ein neues Team, ein neuer Fahrer: Nach einem zweiten Platz bei der Rally Monte Carlo und den Siegen in Schweden, Mexiko und jetzt Portugal: Haben Sie einen so starken Start in die Saison erwartet?
„Nein, das habe so nicht erwartet, wohl keiner im Team. Der zweite Platz bei der „Monte“ und die folgenden Siege in Schweden und Mexiko waren eine echte Überraschung. Natürlich hatte ich immer viel Vertrauen in den WRC Polo, aber ich habe vor der Saison wirklich nicht gewusst wo wir tatsächlich stehen.“

Sie werden bereits jetzt als Titelaspirant gehandelt. Wir gehen Sie mit diesem Druck um?
„Neun Rallys liegen noch vor uns. Da ist es noch viel zu früh für solche Spekulationen, beim Rally-Sport kann viel passieren. Aber das hat schon etwas (lächelt). Die bisherigen Podien und Siege haben uns das Leben und die Arbeit etwas leichter gemacht.“

Sébstien Loeb sieht in Ihnen den dominierenden Fahrer der kommenden Jahre. Sehen wir mit Ihnen bei Volkswagen den Beginn einer symbiotischen Beziehung, die einmal ihren Platz in der Rally-Historie einnehmen wird?
„Das ist ein großes Kompliment. Denn „Seb“ ist der erfolgreichste Fahrer in der Geschichte des Rallye-Sports. Ich fühle mich bei Volkswagen sehr wohl. Das Team ist professionell und bei uns stimmt der Teamgeist. Es wäre schön, wenn es sich zu einer dieser ikonenhaften Partnerschaften entwickelt. Ich hoffe, viele Rallys gewinnen zu können und eines Tages auch den Titel mit Volkswagen.“

Entschädigt der augenblickliche Erfolg für die mühselige Aufbauarbeit im vergangenen Jahr?
„Ja. 2012 war sehr nützlich, um mich an das Team zu gewöhnen, anstatt zu Hause zu sitzen und nichts zu tun. Dadurch ist die Arbeit jetzt viel reibungsloser. Natürlich war es frustrierend, nicht in einem WRC zu sitzen, aber wir alle konnten viel lernen. Ich bereue es nicht. Der Wechsel zu Volkswagen war definitiv meine beste Entscheidung.“

Mads Østberg (Ford) war ihnen in Schweden und Mexiko dicht auf den Fersen. Sehen Sie ihn als Hauptrivalen an?
„Mads fährt sehr Stark. In Mexiko stoppte ihn ein technisches Problem. Da Sébstien Loeb nur vier Rallyes fährt, sehe ich Mads in einer sehr starken Position.“

Wer ist in Ihren Augen der härteste Gegner für Volkswagen in der Konstrukteurs-Wertung?
„Ganz klar Citroen. Sie haben Erfahrung und mit Mikko Hirvonen und Dani Sordo zwei sehr konstante Fahrer. Es wird sehr schwer, aber, wie ich bereits gesagt haben, die Saison ist noch lang. Wir werden sehen was passiert, wenn wir zu den Asphalt-Rallys der Weltmeisterschaft kommen.“

Wie ist die Zusammenarbeit mit Jari-Matti Latvala?
„Er ist ein guter Typ, er ist schnell und wir kommen aus zwei unterschiedlichen Teams zu Volkswagen. Das hilft weiter.“

Was meinen Sie: Warum muß er so kämpfen, um Ihr Tempo mitgehen zu können?
„Ich denke, es hängt mit der Zeit im Auto zusammen. Ich hatte ein Jahr Zeit, um mich an den WRC Polo zu gewöhnen. Jari hatte nur ein paar Wochen. In Schweden und Mexiko war er sehr schnell, hatte aber echtes Pech.“

Wie lässt sich der WRC Polo mit dem Citroen DS3 WRC vergleichen, den Sie im Jahr 2011 fuhren?
„Beides sind gute Autos. Der Polo hat einen extrem guten Motor und das Handling ist sehr einfach. Das war bei den ersten Tests 2012 nicht so. Wir haben ihn dann erfolgreich weiterentwickelt und nun führe ich sogar die Fahrerwertung an.“

Wie blicken Sie hinsichtlich des Erfolges mit VW auf Ihr altes Team Citroen zurück?
„Es ist kein Geheimnis, dass die Stimmung im Team am Schluss nicht die beste war. Aber ich habe 2010 mit dem C4 meine erste Rally gewonnen. Das sind schöne Erinnerungen, die bleiben. Und ohne Citroen wäre ich jetzt nicht bei Volkswagen. Dafür muss ich dankbar sein.“

In zwei Wochen geht es nach Argentinien. Dann werden Sie zum vorletzten Mal gegen Sébastien Loeb fahren. Ein heißes Duell?
„Ja, ich freue mich drauf. In Schweden hatten wir schon einen spannenden Kampf. Ich bin gespannt, wie es in Argentinien ausgehen wird. Es ist wirklich sehr schade, dass er nur noch zwei Rallys fährt.“ (tw)

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